Predigt Christvesper 2020

 

„Fürchtet Euch nicht“   von  Pfr. Christoph Knoll

Da sind wir nun – an diesem Heiligen Abend. Dieses Jahr werden wir wohl alle in besonderer Erinnerung behalten. So vieles ist ungewohnt und belastend:  ein Miteinander  auf Distanz und anderen Einschränkungen. Doch nun sind wir hier – an diesem Heiligen Abend. Denn  Leid braucht Trost und Dunkelheit braucht Hoffnungszeichen!                                      

Gerade haben wir die Weihnachtsgeschichte gehört, die Rettungsgeschichte schlechthin! Ein Satz spielt darin eine entscheidende Rolle und dieser kommt in der Bibel über 100 mal vor. Und dieser Satz heißt: „Fürchtet euch nicht!“ Oft sprechen Engel, Boten Gottes, diesen Satz. Ja, das tut gut zu hören. Und genau DAS brauchen wir in dieser Zeit! Zuspruch! Zuspruch von außen und Wärme, die von innen kommt, wo es draußen kalt ist und die Freude gefriert. Wo Hass und Unvernunft sich breit machen.  

Fürchtet euch nicht! In diesen Tagen klingt das für mich noch einmal besonders, denn in diesen Pandemie-Monaten ist das Bedürfnis nach Trost noch größer als sonst. Wir suchen nach Zuspruch und wollen hoffen, dass es bald ein Ende hat: mit der Sorge um unsere Lieben, der Angst vor Ansteckung, den vielen Einschränkungen, die uns müde und mürbe machen. 

Wir suchen nach Zuspruch, denn in diesem Jahr mussten wir erkennen, wie wenig unser Leben tatsächlich planbar ist. Eine Einsicht, die im Alltag gerne verdrängt wird – und die nun existentielle Realität geworden ist. Die erzwungene Auszeit, die wir haben, weckt Ängste und für manche ist sie auch eine  Zumutung.                                                                             

Die erzwungene Auszeit bietet aber auch noch was Anderes: sie bietet Raum zum Innehalten, zum Nachdenken über das, was uns wirklich wert und teuer ist, zum Nachdenken über Lebenssinn, ja, zum Nachdenken über Leben und Tod. Viele spüren, wie dringend wir Zuversicht brauchen und wir wünschen uns das, selbst der Bundespräsident, selbst Tagesschaumoderatoren und viele Andere. 

Zuversicht, die förmlich überlebensnotwendig scheint!

Die Weihnachtsgeschichte bietet Zuspruch und sie IST eine Antwort auf Sorgen unserer Zeit und wird damit zur Rettungsgeschichte. Sie bietet genau das Gegenteil von all den massenhaften Nachrichten und Erzählungen, die bewusst oder auch ungewollt nur eines zum Ziel haben: Verunsicherung, Meinungsmanipulation und Angst. Ja, natürlich, die meisten von uns  tragen schwere Bilder in sich  in diese Nacht. Wir hören sie täglich. Aber so, wie schon alle Generationen vor uns, dürfen wir Gott unsere Fragen entgegenwerfen, so wie einst Hiob, der Leidgeplagte aus dem AT: Hab ich denn keine Hilfe mehr, und gibt es keinen Rat mehr für mich“?                                                      

Und deshalb die Weihnachtsgeschichte, weil sie Antwort gibt auf die Frage, woraus wir Zuversicht schöpfen können. Die Antwort steht im Lukasevangelium und bei uns in Erfurt groß und sichtbar auf dem Domplatz – ein Stall mit Maria, Joseph, dem Jesuskind in der Krippe. Frei zugänglich, gut sichtbar. In diesem Jahr  nicht zugestellt zwischen Autoscooter und Riesenrad, Buden und Büdchen. Besucherinnen und Besucher  schauen  sich diese bildliche Darstellung aus der Erzählung von der Geburt des Gottessohnes an. Und viele Menschen glauben daran, weltweit. Sie hören und glauben die Geschichte vom „Fürchtet Euch nicht“, vom nahenden Retter für eine Welt, die in Angst verzagt. 

Ja, ich und viele von Ihnen haben diese Geschichte schon so oft gehört und gelesen, Jahr für Jahr. Dazwischen ist die Welt und unser Leben weitergegangen. Die Welt dreht sich fort, aber - die Lebensthemen, die bleiben: Wie will ich leben? Was trägt mich, wenn mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird?

In diese Lebensfragen hinein erzählen wir als Kirche, als Christen uns immer und immer wieder biblische Mutmach-Überlebens-Rettungsgeschichten von Generation zu Generation.  Wir erzählen sie uns, wie wir Fotoalben anschauen, von früher, von Vergangenem, oft unter einem anderen Aspekt und mit neuem Blick. So auch heute am Heiligen Abend die Geburtsgeschichte Gottes in unsere Welt. Damit nähern wir uns der Krippe und sehen das Kind in der Krippe, ja, sehen direkt in Gottes Angesicht. Was in der Krippe und in der Heiligen Familie liegt, ist das große Trostbild für eine Gesellschaft, die an manchen Stellen über Furcht und Sorge auseinanderzubrechen droht. Und dahinein diese 3 Worte: „Fürchte dich nicht“ – übersetzt heißt das: „Ich liebe dich“. Am eindrücklichsten sind die beiden Stellen, als der Engel zu Maria sprach: „Fürchte dich nicht, Maria“ und nochmal zu den Hirten auf dem Felde bei Bethlehem. „Fürchtet euch nicht“.  

Wie klingt für Sie dieser Satz heute Abend? Kann man das heute noch sagen, zumal doch vielen Menschen biblische Bilder und göttliche Versprechen abhanden gekommen sind?! 

Denn für die meisten spielen beim Virus und bei der Klimakatastrophe biblische Bilder keine Rolle.                         

Heute sind es wissenschaftliche Erkenntnisse, die uns bedrohen. Doch die Lage ist ähnlich, wie im Neuen Testament und im Mittelalter. Auch wir denken über unsere begrenzte Lebenszeit nach. Aber wir lernen andere Fragen zu stellen über die Welt und das eigene Leben. Wenn wir dabei unsere Hoffnungen und Zuversichten NUR aus allem Irdischen ableiten müssten, dann kämen wir nicht weit. Ohne Gott bliebe es eine Hoffnung mit begrenztem, auch brüchigem Halt! 

Deshalb lasst uns lieber reden von dem, was uns Hoffnung schenkt und was an Hoffnung uns auch schon geschenkt wurde! Lasst uns vertrauen! Fürchtet euch nicht! Denn Furcht ist bekanntlich immer ein schlechter Wegbegleiter! Lasst uns darauf vertrauen, dass uns Gott auch in schwersten Zeiten halten wird. Wir können von all dem Guten erzählen, was uns im Leben bereits widerfahren ist, schon so oft. Nicht nur die großen Sachen, auch die winzigen Kleinigkeiten, über die wir uns immer wieder freuen dürfen. Deshalb: Fürchte dich nicht! Gott schickt in diese wunderschöne und geschändete Welt seinen Sohn, der in aller Hilflosigkeit geboren wird, am Kreuz stirbt und aufersteht. Und immer, immer immer wieder ruft Gott uns eines zu: Ich bin da und ich werde da sein, mitten unter euch, ganz nah. Zum Glück ohne Abstand! Und auch nicht in Quarantäne! Gott kann auch nicht abgesagt werden. Er ist da und er bleibt! Und er nährt unser Vertrauen:

 Deshalb: „Fürchte dich nicht“.  Amen