Die Orgel in der neuen Thomaskirche

100 Jahre Orgeln in St. Thomas

Schon in der alten Thomaskirche auf der Löberstraße (sie wurde 1903, ein Jahr nach der Einweihung der Neuen Thomaskirche, abgerissen) stand eine Orgel. Es war ein zweimanualiges Instrument des Erfurter Orgelbauers Franziskus Volkland aus dem Jahre 1740. Wo diese geblieben ist, als die alte Kirche aufgegeben wurde, wissen wir nicht. Mit dem Plan zum Neubau der Kirche wurde auch an eine neue Orgel gedacht, denn die Volkland-Orgel wäre für den neuen großen Kirchenraum viel zu klein gewesen.

Die Firma Sauer in Frankfurt/Oder bekam den Auftrag und baute ein dreimanuliges Instrument mit 45 klingenden Stimmen. Als moderne Orgel hatte sie pneumatische Kegelladen. Das neugotische Gehäuse baute die Firma Ziegenhorn & Jucker. Unterhalb der Pfeifen des Prospektes befand sich eine Inschrift mit goldenen Buchstaben: Im Namen der verstorbenen Frau Majorin Anna Rück gewidmet von Johanna Rück. Im Untergeschoss des Gehäuses befand sich hinter zwei Türen der Spielschrank des Orgelwerkes. Der Organist saß mit dem Blick „ins Werk“ und mit dem Rücken zum Kirchenraum, wie es bei den meisten Orgeln ist.

Nach dem Amtsantritt von Organist Paul Wutke 1926 wird die Firma Walker in Ludwigsburg beauftragt, einige technische Verbesserungen vorzunehmen und 3 Register zu verändern. Für das Jahr 1927 wird eine Erweiterung der Thomasorgel bei Walcker bestellt und ein modernisierender Umbau. 13 neue Register kommen in die Orgel, und die „Orgelbewegung“ macht sich in einer Barockisierung des ganzen Instrumentes bemerkbar. Nunmehr sind 58 klingende Stimmen im alten Gehäuse untergebracht. 1934 erfolgt, wiederum von Walcker, ein großer Umbau: die ganze Orgel erhält elektropneumatische Traktur und einen fahrbaren Spieltisch mit 4 Manualen und aller damals modernen Technik. Durch die Entfernung des bisherigen Spielschrankes im Untergeschoss des Orgelgehäuses wird Platz gewonnen für ein neu hinzukommendes Brustwerk. Auch sonst werden noch etliche neue Register eingebaut, so dass die Orgel jetzt 74 klingende Stimmen auf 4 Manualen und Pedal hat. Alle diese Veränderungen geschehen unter der Federführung von Paul Wutke. Diese große Orgel ging bei der Zerstörung der Thomaskirche am Karsamstag 1945 unter.

Mit dem Wiederaufbau der Kirche wurde auch ein Orgelneubau nötig. Der gottlob unversehrte aus dem Kriege zurückgekehrte Organist Wutke machte sogleich wieder Pläne. Diesmal wurde mit der Firma Alexander Schuke in Potsdam der Orgelbauvertrag abgeschlossen. Vorgesehen wurde ein Instrument mit 58 klingenden Stimmen auf 3 Manualen und Pedal, mit mechanischer Spieltraktur und pneumatischer Registerschaltung. Finanziell war ein Gesamtbau nicht möglich, und so wurde in 3 oder 4 Bauabschnitten geplant. Der erste Abschnitt war zur Einweihung der wiederhergestellten Kirche 1950 erreicht: der vollständige neue Prospekt, dahinter die Register des Hauptmanuals (ohne 2 Zungenstimmen) und 8 Pedalregister (von 14), dazu ein provisorischer Spielschrank mit nur einem Manual und Pedal, wieder im Untergeschoss des Orgelgehäuses. Der zweite Abschnitt folgte 1953 und beinhaltet den Bau des Oberwerkes (mit nur einer Zungenstimme, statt 2), weitere 4 Pedalregister, dazu den endgültigen Spielschrank mit noch funktionslosem ersten Manual. 1967 lieferte als 3. Abschnitt die Firma Schuster aus Zittau –warum nicht Schuke, bleibt P. Wutkes Geheimnis- das Rückpositiv (ohne Zungenstimmen), was durch eine große Spende möglich geworden war.

Erst dem Nachfolger von KMD Paul Wutke, Kantor Walther Seezen, war es vergönnt, ein Jahr nach seinem Dienstantritt (also 1978) den letzten Bauabschnitt anzugehen. Der GKR beschloss die Beschaffung und den Einbau der bisher noch fehlenden 7 Zungenstimmen im Zuge einer nötig gewordenen Generalüberholung, dabei war bereits die Sanierung und Renovierung der Kirche im Blick. Die für 1983 vorgesehenen Arbeiten verzögerten sich durch mancherlei Gründe, und schließlich brachte die „Wende“ das Vorhaben fast zum Erliegen. Endlich konnten der 4. Abschnitt und die Generalüberholung doch noch 1993 durchgeführt werden. Nun steht die Orgel so da, wie sie von Paul Wutke entworfen worden ist, und erfreut Spieler und Hörer immer wieder aufs Neue. Leider hat Paul Wutke die endgültige Fertigstellung „seiner“ Orgel nicht mehr erlebt; er starb ein halbes Jahr, bevor sie fertig wurde. Ihm sei Dank für sein Vordenken und kluges Planen, Gott aber sei Lob und Preis für das Gelingen des Orgelbaues.

W. Seezen

 

Die Schuke-Orgel der Thomaskirche, erbaut 1950 – 1993

Geschichtlicher Überblick:

1945                
Bei der Zerstörung der Thomaskirche auch Untergang der großen 74-stimmigen Orgel der Firma Walcker / Ludwigsburg.
Mit dem Wiederaufbau der Kirche war ein Orgelneubau vorgesehen, der durch die Firma Schuke / Potsdam ausgeführt wurde.

1950                 
Einweihung der wiederaufgebauten Kirche mit dem 1. Bauabschnitt der neuen Orgel: Hauptmanual, Pedalstimmen und provisorischer Spielschrank.

1953                 
Zweiter Bauabschnitt: Oberwerk und noch 4 Pedalstimmen, dazu der endgültige Spielschrank mit noch funktionslosem ersten Manual.

1967                
Dritter Bauabschnitt: Aufbau des Rückpositivs und eines Separatspieltisches für das Rückpositiv durch die Firma Schuster / Zittau.

1978                 
Letzter Bauabschnitt beschlossen: Einbau der bisher noch fehlenden Zungenstimmen sowie eine inzwischen nötig gewordene Generalüberholung.

1993                 
Durchführung des letzten Bauabschnittes.

Technik:

Die Orgel hat 4050 Pfeifen aus Zinn, Zink, Kupfer und Holz, die von 3 Manualen mit je 54 Tasten und  1 Pedal mit 30 Tasten angespielt werden können. Die Übertragung des Spielimpulses von der Taste bis zur Pfeife geschieht auf mechanische Weise mittels Holzleisten und Draht. Die Schaltung der einzelnen Register (= Stimmen der Orgel) erfolgt pneumatisch, also mit Luftdruck.

Die Erzeugung des "Windes" besorgt ein elektrischer Ventilator. Der Winddruck, mit dem die Pfeifen geblasen werden, beträgt ca. 80mm Wassersäule.

Größe der klingenden Pfeifenkörper: 8mm bis 5 1/2 m.

Es gibt sogenannte Lippenpfeifen (das sind meistens die Pfeifen in einer Orgel; sie funktionieren wie eine Blockflöte), und es gibt Zungenpfeifen, deren Tonerzeugung ähnlich wie bei einer Mundharmonika vor sich geht.

 

 

Fotografie:
Matthias Schmidt
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