Die Geschichte der Thomaskirche

Die Thomaskirche zu Erfurt

Bis 1903 stand die „alte Thomaskirche“ in der Löberstraße.
Sie wurde abgerissen; das noch heute vorhandene „Haus zum St. Thomas“ (Löberstr. 18) weist auf den Standort der alten Thomaskirche hin.
Erstmals erwähnt war die alte Thomaskirche in einer Urkunde vom 17.11. 1282; sie stand damals in der Löbervorstadt“. Seit 1525 wurde die Thomaskirche im Zuge der Reformation als evangelische Gemeindekirche genutzt.
Als erster evangelischer Pfarrer predigte hier Justus Menius, der „Reformator Thüringens“. Johann Christoph Bach, der älteste Bruder von Johann Sebastian Bach, versah hier 1689 für kurze Zeit das Organistenamt. Von 1702 bis 1707 war Johann Gottfried Walther Organist an der Thomaskirche.
Die Löbervorstadt war ein Siedlungsbereich ärmerer Leute (Lohgerber) vor den Toren der Stadt gewesen. Die Thomaskirche war daher eine schlichte, kleine Kirche. Als die Stadt Erfurt nach Aufhebung der Festung gegen Ende des 19. Jahrhunderts vor allem in südlicher Richtung wuchs, siedelten sich hier teilweise wohlhabende Bürger an; die „Gründerzeit“ prägte in städtebaulicher Hinsicht vor allem die südlichen Stadtviertel. Das Platz- und Repräsentationsbedürfnis einer gewachsenen Gemeinde verlangte nach einer neuen Kirche.
So entschloss man sich zu einem damals modernen Kirchen-Neubau im neugotischen Stil. Der besondere Rang dieser neu errichteten Thomaskirche unter den Kirchen Erfurts besteht darin, dass sie die einzige neugotische Stadtkirche ist (im Ortsteil Hochheim und im heutigen Neubaugebiet Erfurt-Südost gibt es noch je eine neugotische Dorfkirche).

Die „neue Thomaskirche“ wurde am 15.06. 1902 geweiht.
In zweijähriger Bauzeit war sie nach den Plänen des Architekten Hillebrand / Hannover errichtet worden. Sie misst in ihrer Gesamtlänge von Nord nach Süd (im Unterschied zu früheren Kirchenbauten ist die Thomaskirche nicht „geostet“, d.h. der Altar steht nicht im Osten) 51m. Die Breite des Kirchenschiffs beträgt 16,5m. Das Querschiff, durch welches die Kirche im Grundriss andeutungsweise sie Form eines Kreuzes erhält, ist 28m breit.
Hinter dem Altarraum und an der NW-Ecke sind ein Kirchsaal und eine Kapelle angebaut. Die Empore umzieht das gesamte Kirchenschiff; im Turmbereich ist sie durch Einbeziehung eines Turmgeschosses als weiträumige Orgel- und Konzertempore gestaltet. Diese trägt die zweitgrößte evangelische Kirchenorgel Erfurt, ein Werk der Firma Alexander Schuke / Potsdam. Erst 1993 wurde der Orgelbau im Sinne des Entwurfs aus dem Jahre 1950 zu Ende gebracht, so dass von einer fast 43jährigen Bauzeit der Orgel gesprochen werden kann.

Am Karsamstag, dem 31. März 1945, war die Thomaskirche durch Bomben bis auf die Außenmauern und den Turm restlos zerstört worden.
Sofort nach Beendigung des Krieges begann der Wiederaufbau nach Entwürfen der Architekten Theo Kellner und Karl Tetzner unter der Leitung der Pfarrer Dr. Kurt Pohl und Johannes Mebus.


Am 24. September 1950 wurde die wiederhergestellte Thomaskirche geweiht.
Die Ausmalung leitete Karl Völker. Die Buntglasfenster wurden von Karl Völker (Kapelle, 1947) und von Fa. Ernst Kraus / Weimar (Kirchenschiff, 1956, nach Entwürfen von Völker) geschaffen. Der Altar besteht aus Seeberger Sandstein, ebenso der Taufstein, eine Stiftung der Konfirmanden der Jahrgänge 1955 – 1957. Taufbecken, Taufdeckel, Altarkreuz und Altarleuchter sind Arbeiten von Helmut Griese / Erfurt. Die Christusplastik auf der rechten Empore stammt von Bildhauer Hans Walther / Erfurt (1952).
Aus der alten Thomaskirche stammen: der 6 m breite gotische Flügelaltar, der um 1445 in einer Werkstatt geschaffen wurde. An der Westwand des Altarraumes befindet sich das um 1440 entstandene Thomas-Relief. Sein Wappen (Hund mit Arm im Maul) verweist auf eine Legende aus dem Leben des Apostels Thomas.
An der Ostwand des Altarraumes ist das ebenfalls um 1440 geschaffene Sakramentshäuschen angebracht, eine Stiftung von Hans Heilwig zum Gedächtnis an seine verstorbene Ehefrau Künne von Milwitz.
Der Opferstock im Eingangsbereich stammt ebenfalls aus der Alten Thomaskirche.
Der Kirchturm von 71 m Höhe ist der zweithöchste Erfurts (Severikirche 72,5 m).
In der Glockenstube wurde 1957 ein Geläut von vier Stahlglocken aufgehängt; es ist das Geläut, das die Thomasgemeinde in ihrer Geschichte seit dem 13. Jahrhundert bisher besessen hat. Die Glocken wurden gegossen in der
Glockengießerei / Apolda und am 29.09. 1957 durch Bischof D. Johannes Jänicke / Magdeburg geweiht. Die große Glocke erlitt 1959 einen Sprung und wurde ersetzt durch  eine neue, im Jahre 1962 von Kirchenpräsident Martin Niemöller gestiftete Bronzeglocke. Die Glocken tragen folgende Namen und Inschriften:

  1. Christus-Glocke: Inschrift Vorderseite „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Symbol Christusmonogramm. Inschrift Rückseite „1282 Alte Thomaskirche. Vivimus ex uno (Von dem Einen leben wir); Geschenk des Kirchenpräsidenten D. Martin Niemöller. Gegossen von Gebrüder Rincker in Sinn 1965“. Durchmesser 147 cm, Gewicht 1950 kg.
  2. Thomas-Glocke: Inschrift Vorderseite „St. Thomas“. Selig sind die nicht sehen und doch glauben.“ Inschrift Rückseite oben Werkstattzeichen Fa. Schilling, darunter: „1902 Neue Thomaskirche. Sola Fide! (Allein aus Glauben)“; Symbol Zirkel und Winkelmaß (das sind in bildlichen Darstellungen die Attribute des St. Thomas). Durchmesser 156 cm, Gewicht 1543 kg.
  3. Luther-Glocke: Inschrift Vorderseite „Martin Luther. Gott ist unsere Zuversicht und Stärke“. Inschrift Rückseite oben Werkstattzeichen Fa. Schilling, darunter: „1950 aus Trümmern entstanden. Sola scriptura! (Allein die Heilige Schrift)“; Symbol der Lutherrose. Durchmesser 138 cm, Gewicht 1150 kg.
  4. Menius-Glocke: Inschrift Vorderseite „Justus Menius. Die richtig vor sich gewandelt haben kommen zum Frieden.“ Inschrift Rückseite oben Werkstattzeichen Fa. Schilling, darunter: „Glockenguss 1956. Semper sursum! (Allzeit aufwärts)“; Symbol Wappen des Menius. Durchmesser 123 cm, Gewicht 903 kg.

Die Läuteanlage wurde 1997 vollständig erneuert.

Am 24. September 2000, genau 50 Jahre nach dem Wiederaufbau aus dem Kriegstrümmern, wurde die Thomaskirche nach 9monatiger umfassender Renovierung und Umgestaltung des Innenraumes erneut geweiht.
In der Nordwand über dem Altar wurde die 1945 zugemauerte Fensterrosette wieder geöffnet und mit einer modernen Glasgestaltung (Entwurf von Susanne Precht / Lauscha, Herstellung Glasstudio Derix / Taunusstein) versehen.
Die Zwischentür vom Vorraum zum Raum unter der Orgelempore wurde ebenfalls als Glastür neu gestaltet.
Der Innenraum wurde vollständig neu ausgemalt.
Der teilweise Umbau des Gestühls ermöglicht eine variable Raumnutzung, besonders für Konzerte und andere größere Veranstaltungen.
Bereits 1998 war das Eingangsportal neu gestaltet worden mit Bronzereliefs von Prof. Werner Stötzer zu Szenen aus dem Leben des Apostels Thomas.
Die Leitung dieser Kirchenrenovierung lag in den Händen des Gemeindekirchenrates zusammen mit den beiden Gemeindepfarrern A. Lindner und M. Rambow sowie des Architektenbüros Geselle-Hardt-Scheler / Erfurt.
Im Jahre 2003 wurde die Kapelle der Thomaskirche renoviert.

Seit 1993 wird die Thomasgemeinde bei dem Bemühen um die Sanierung und Renovierung der Thomaskirche maßgeblich unterstützt durch den „Freundeskreis Thomaskirche Erfurt e.V.“.
In ihm finden sich heutige und ehemalige Thomas-Gemeindeglieder sowie weitere interessierte Bürger zusammen. Als unselbstständige Stiftung des „Freundeskreises“ wurde im Jahre 2003 die „Thomasstiftung“ gegründet. Durch eigene Spenden und durch Spender- und Mietgliederwerbung tragen der Freundeskreis und die Stiftung dazu bei, die Thomaskirche als Gemeindekirche zu pflegen, aber sie auch als kulturhistorisch wertvolles Baudenkmal der Stadt und als einen bevorzugten Aufführungsort für Orgel-, Chor- und Oratorienkonzerte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.




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